Sekundarschule Bethel

Gedenkstättenfahrt 10M




Die Zeit zuvor verging so schnell. Und auf einmal war der Tag gekommen. Der Tag an dem jeder einzelne von uns diesen Ort betrat. Einen Ort an dem die größten Gräueltaten der Menschheit geschahen. Einen Ort auf welchen ich dachte vorbereitet zu sein, aber niemals vorbereitet genug für diesen Moment sein konnte.

Alle zusammen betraten wir die Gedenkstätte, jedoch jeder für sich alleine. Der Ort kann uns am besten das Unvorstellbare veranschaulichen, denn er ist einer der wichtigsten Beweise für das, was wir sonst nur in Büchern lesen. Eine so surreale Vorstellung genau an dem Ort zu sein, auf dem Boden zu stehen, durch die Gebäude zu laufen, in denen 1,3 Millionen unschuldige Menschen entmenschlicht wurden.

Ich hatte das Gefühl vorsichtig laufen zu müssen, als wäre der Boden unter meinen Füßen unsicher, als würde ich die Opfer betreten. Durch meinen Kopf gingen währenddessen Gedanken wie: „Vor 80 Jahren standen auf diesem Boden, Menschen die weder diesen Ort verlassen, noch zu ihren Familien zurückkehren konnten.“ „Hier, auf genau diesem Fleck Erde, auf welchem ich gerade stehe, könnte auch ein Leichnam sein, nur zu einer anderen Zeit.“

Ich dachte mir, wie dankbar ich bin heute hier zu stehen, und nicht acht Jahrzehnte zuvor. Ich war dankbar, diesen mich einengenden und unsicher fühlend lassenden Ort, mit Stacheldraht umzäunt, wieder verlassen zu können. Zurück ins Warme, Sichere und Gemütliche.
 
In jedem Gebäude hatte ich ein anderes Gefühl, jedoch waren sie alle extrem einnehmend. Meine Vorstellungskraft reichte kaum aus um alles verstehen zu können. Ein paar Räume haben mich besonders getroffen.

In einem war der Einstieg sehr sanft: Ich lief durch einen weißen Flur, der immer dunkler wurde während dabei jüdischer Gebetsgesang ertönte. Der Gang mündete in einem dunklen Raum. Die Wände waren komplett leer. Nach und nach erschienen viele Filme an allen vier Wänden um mich herum. Und ich fand mich inmitten glücklicher Familien wieder. Es waren Filme die vor Beginn des Krieges und vor dem Leid aufgenommen wurden. Sie zeigten Familienfeiern, Hochzeiten, spielende Kinder, glückliche und sorglose Familien. Der Raum strahlte Liebe aus. Zu hören waren die Gespräche und vor allem das unbeschwerte Lachen, dass noch lange in
meinem Kopf nachhallte. Ein Raum der mit so vielen Emotionen aufgeladen
war. Einerseits war es so schön zu sehen, wie erfüllt diese Menschen wirkten, andererseits hatte ich die schrecklichen Bilder im Kopf und all das Leid, welches ihnen noch bevorstand.

Ich fühlte mich machtlos, ich konnte sie nicht warnen und ihnen nicht helfen. Viele von uns rührte dieser Raum zu Tränen. Die ganze Zeit unterstützten wir einander durch kleine Gesten. Mitfühlende Blicke, Händchen halten, sanfte Berührungen und Umarmungen die uns wissen ließen: Wir sind hier alle zusammen und niemand soll  der muss hier alleine durch. Die, die vorne liefen warteten auf die, die etwas mehr Zeit brauchten.

Während der Führung hörten alle gut zu und stellten gegebenenfalls Fragen. Dadurch, dass wir die meiste Zeit sehr ruhig und vorsichtig waren, spürte man mit wie viel Respekt und Ehrfurcht wir diesem Ort begegneten. Die Stille unter uns sagte so viel aus.

Eine Skulptur ist mir ebenfalls ganz besonders im Gedächtnis geblieben.
Wir alle standen in diesem Raum und uns wurde gerade erzählt, dass die Menschen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern durchschnittlich 20-25 Kg wogen. Ich war schockiert und konnte es mir kaum vorstellen, denn ein Kind in dem Alter von sieben Jahren sollte normalerweise so viel wiegen - kein erwachsener Mensch.
In dem Moment stand ich genau vor dieser Figur aus Eisen. Sie war sehr dürr und blickte mich besorgt und leidend an. Ich schaute ihr in die Augen und betrachtete ihr müdes, hoffnungsloses Gesicht. Es war mir, als konnte ich spüren wie sie litt, so vertraut. Je länger ich sie ansah, desto mehr bekam ich das Gefühl, dass sie auf mich zukommt um mich zu umarmen. Währende ich versuchte zu realisieren, dass es nur eine nicht lebendige Skulptur war, gingen die anderen bereits weiter. Aber ich konnte sie nicht zurücklassen und verweilte einige Minuten länger.

Direkt neben ihr war eine weitere erwachsene Figur, die ebenfalls extrem dünn war. Diese trug ein Baby im Arm welches auch, nicht zu übersehen, sehr untergewichtig war. Mich hat es so mitgenommen, weil mir nochmal in Lebensgröße veranschaulicht wurde wie mager die Menschen wurden. Selbst Babys und Kinder waren kaum mehr als Haut und Knochen.
 
Ein weiteres Gebäude, mit weiteren Schicksalen. Überall wo ich hinsah waren Bilder der Häftlinge. Die Daten der Verhafteten standen direkt darunter. Alle Wände um mich herum, alle Gänge dieser Ausstellung schauten mir zu. In jedem Gesichtsausdruck las ich etwas Anderes. Viele sahen ängstlich, verunsichert, verzweifelt oder ahnungslos aus. Andere wirkten besorgt, müde, abgeklärt, aufgebend oder auch hoffnungsvoll. Das Leuchten in manchen Augen traf mich tief.
 
Am Ende des Ganges befand sich ein großes, trichterförmiges Glas in welchem ein beige-graues Pulver zu erkennen war. Ich realisierte, dass es die Asche verstorbener Häftlinge war, die sich nun in einer großen Urne befand.
Der Gedanke, ich stehe gerade in diesem Moment vor Menschen, die diese Zeit durchlebten, war wuchtig. Es war ein Meter Abstand zwischen uns, viele Jahrzehnte und eine ganze Lebensgeschichte.

Der schlimmste Gedanke war immer: Da waren Kinder dabei die nie älter wurden als ich. Möglicherweise stand ich gerade genau vor ihnen. Ich kann es bis heute nicht fassen, all die Haare, Brillen, Schuhe, Koffer, Kinderkleidung, Alltagsgegenstände, Gebäude, Gelände mit meinen eigenen Augen gesehen zu haben.

Als ich in einen der letzten Räume kam, waren das erste, dass ich sah, riesige Papier-Seiten. Sie waren alle aneinander, mitten im Raum, wie ein großes Buch um welches man einmal komplett herumlaufen konnte. Es wirkte endlos. Wenn man zwischen die Seiten griff, waren von oben bis unten in kleiner Schrift ganz viele Worte zu erkennen. Dazu wurde uns erklärt, dass das die Namen aller Häftlinge sind. Diese Seiten waren größer als ich und beidseitig bedruckt. Die Tatsache, dass dies alles Menschenleben waren und sie jetzt nur noch ein Name unter vielen sind, vielleicht sogar von der Welt vergessen wurden, war grauenhaft.
 
Es waren viele Eindrücke, vielleicht sogar zu viele um jeden einzelnen festzuhalten. Ich bin froh und dankbar, dass ich die Erfahrung machen durfte. Vor allem bin ich aber dankbar diesen Ort in diesem Jahr gesehen zu haben und nicht 80 Jahre zuvor. 

Ich bin dankbar dieses Erlebnis mit genau diesen Menschen geteilt zu haben.

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